IT-Radar

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Aktuelle Usability-Trends

Interview

Nachdem es im ersten Teil des IT-Radar Interviews mit Prof. Mädche um Usability als Wettbewerbsfaktor ging, stehen im zweiten Teil aktuelle Trends in diesem Bereich im Zentrum unseres Interesses. Vordergründige Aufmerksamkeit schenkten wir dabei beispielsweise den Fragen, wie technologische Neuerungen die Gestaltung gebrauchstauglicher Softwareprodukte beeinflußen und welche dieser Trends Unternehmen im Sinne ihrer Kunden aufgreifen sollten.

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Interview zum Thema "Usability" - Teil 2/3 (MP3, ca. 10 MIN)

Das Interview zum Nachlesen

Die Möglichkeiten, Produkte gebrauchstauglich zu gestalten, scheinen sehr stark mit den technischen Neuerungen zusammenzuhängen und sich zu verändern. Gerade zurzeit erleben wir einen Umbruch, so sind zum Beispiel Touch- und Gestensteuerung, wie wir sie von Smartphones oder Tablets kennen, vielleicht bald auch auf Desktop-Computern zu benutzen. Die Nutzer erwarten Mobilität von Geräten, Anwendungen sowie Daten und sie möchten möglichst jederzeit vollen Zugriff auf ihre gewohnten Anwendungen haben. Sensoren rücken von der Spezialanwendung in eingebetteten Systemen in viele alltägliche Smartphone-Apps vor, und nicht zuletzt demonstrieren Programme wie Siri, was sie im Bereich der Spracherkennung und -synthetisierung erreichen können und was möglich geworden ist.

Von welchem dieser neuen Trends erwarten sie denn die stärksten Impulse für den Bereich Usability?

Ich denke es gibt diesbezüglich zwei Kategorien. Zum einen sind das innovative Webanwendungen, die intensiv im Privatleben genutzt werden. Dafür kann ich als Beispiele Facebook oder auch Dropbox, ein Dokumentenmanagementsystem, nennen. Solche Anwendungen prägen Nutzeranforderungen dann auch im geschäftlichen Umfeld, da sie meiner Meinung nach sehr schön zeigen, wie man intuitive und benutzbare Software gestalten kann. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite umfasst die ganze mobile Welt und somit sowohl die Smartphones als auch die Tablets. Dabei ist es egal, ob es Geräte von Apple sind oder ob sie mit Google-Android laufen. Man sieht hier schon ganz klar, wo die Reise hingeht und das prägt natürlich auch die Anforderungen in Bezug auf Anwendungssoftware, da die Anwender eben sehen, was heutzutage alles möglich ist. Es gibt dann keinen Grund, weshalb im unternehmerischen oder im betrieblichen Umfeld die Anwendungen nicht entsprechend gestaltet werden sollten.

Nun hört man gelegentlich auch Stoßseufzer von erfahrenen Anwendern, denn viele dieser technischen Neuerungen erscheinen ihnen eher als Rückschritte, so zum Beispiel die komplette Umgestaltung der Office-Programme von Microsoft, von der Menüsteuerung auf die sogenannten Ribbons und vergleichbare Beispiele. Sind das nur Anekdoten und Sentimentalitäten oder gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass derartige Umstellungen auch starke Rückschritte sein können?

Wenn sie sich die Usability-Definition anschauen – Usability ist nach der ISO-Norm 9241 definiert als das Ausmaß, in dem ein Produkt durch bestimmte Nutzer in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann, um bestimmte Ziele effektiv effizient und zufriedenstellend zu erreichen – dann sind die Stoßseufzer absolut berechtigt, da leider der Nutzungskontext oft nicht berücksichtigt wird.

Das beste Beispiel dafür kann ich Ihnen selbst berichten: der Umstieg von einem Blackberry auf ein Smartphone. Die Effizienz eine Kurznachricht in ein Blackberry einzutippen ist aus meiner Sicht unschlagbar. Es ist nun einmal so, dass Benutzer, die sehr viele Nachrichten schreiben, mit einer Tastatur, wie sie ein Blackberry anbietet, viel besser bedient sind als mit den Möglichkeiten, die ihnen ein Smartphone bietet. Und dafür ist die Berücksichtigung des Nutzerkontextes entscheidend. Wenn ich sehr viel im Internet browse, navigiere und wenig schreibe, dann ist ein Smartphone toll. Wenn ich primär ein Business-User bin, dessen Schwerpunkt im Umgang mit dem Gerät auf der Kommunikation liegt, dann bin ich nach wie vor mit einem Blackberry gut bedient.

Und das können sie direkt auf transaktional orientierte Sachbearbeiter übertragen: Wenn ich Massendaten verarbeiten will, dann brauche ich keine interaktiven Benutzerschnittstellen, sondern – ähnlich, wie es Cobol früher gemacht hat – effiziente Masken, in denen ich zum Beispiel mit der Tabulator-Taste navigieren kann, um meine Dateneingabe möglichst effizient zu gestalten.

Sprich: Ich muss einfach verstehen, was der Nutzugskontext ist und entsprechend gestalten. Das ist Usability. Es geht nicht darum möglichst hübsche User-Interfaces zu schaffen, sondern solche, die möglichst gut für einen bestimmten Benutzungskontext geeignet sind und einem Benutzer dabei helfen, seine Ziele zu erreichen.

Kann man denn sagen, wenn ein Unternehmen entscheiden soll, ob es die angesprochenen technischen Neuerungen mit einbezieht oder nicht, ist ein wesentlicher Aspekt der Nutzungskontext? Und gibt es da noch weitere Aspekte, die relevant sind?

Ich denke man kann das noch etwas generalisieren. Ich glaube man muss einfach feststellen, die Unternehmen müssen in sehr enger Zusammenarbeit mit ihren Kunden ihre Produkte entwickeln, von der ersten Idee zur Evolution, während des Entwicklungsprozesses aber auch zur formalen Evolution am Abschluss der Produktentwicklung. Außerdem muss dies mit konkreten Metriken gemessen werden.

Ich denke generell, ein reines Kopieren der Usabilty-Konzepte vom Wettbewerber reicht nicht aus, denn damit geht natürlich auch das Alleinstellungsmerkmal von meinem Produkt etwas verloren. Viel wichtiger ist es, zu verstehen, was wünscht sich mein Kunde, was macht mich einzigartig und wie integriere ich die unterschiedlichen Technologietrends und die Konzepte. Die Trends und Konzepte müssen aber übersetzt werden und mit kopieren ist es da ganz sicher nicht getan. Ich bin überzeugt, dass man sich dabei wirklich stark am Kunden orientieren und den Nutzungskontext verstehen muss, um dann eben möglichst gute Lösungen kundengerecht zu entwickeln.

Trotzdem lassen sich ja Trends erkennen, beispielsweise wurde früher die Integration möglichst vieler Aufgaben in immer mächtigere Anwendungen gefordert und auch umgesetzt, dagegen scheint sich mit den als Apps bekannten Single-Purpose-Anwendungen der Trend eher umgekehrt zu haben. Zunächst: Können Sie diese Beobachtung denn bestätigen?

Ja, absolut. Den Trend sieht man ja auch im Bereich der Anwendungssoftware. Als konkretes Beispiel kann ich hier die SAP nennen: Die SAP hat für sehr viel Geld den On-Demand-Softwarehersteller SuccessFactors gekauft, der Personalmanagementlösungen herstellt, die das Kernprodukt der Enterprise-Ressource-Planning-Software komplementieren. Das ist sehr ähnlich zum App-Gedanken. Man hat eine spezifische, für eine Fachabteilung zugeschnittene Applikation, die on-demand und ergänzend zu dem Integrationssystem angeboten wird, welches eben Enterprise-Ressource-Planning ist. Auch im Business-Umfeld sieht man also ganz klar, dass es wieder so eine Art Dezentralisierung gibt, zumindest zu einem bestimmten Grad.

Was könnten im technologischen Umfeld die Ursachen für diese Trendwende sein?

Wenn man in die Vergangenheit schaut, ist es so, dass das ja alles schon einmal da war. Es gab funktionale Systeme, die sehr spezifisch für die jeweiligen Fachbereiche eines Unternehmens zugeschnitten wurden. Dann hat man versucht alles zu integrieren und zu einem bestimmten Grad gleich zu machen und zu zentralisieren.

Wenn man zentralisiert und integriert, hat man jedoch geringere Flexibilität und Agilität und dabei stellt sich natürlich immer die Frage, auf welche Kosten das geht. Jetzt merkt man einfach, dass die Dezentralisierung wieder mehr Flexibilität sowie eine Spezialisierung auf die eigentlichen Bedürfnisse der jeweiligen Fachbereiche schafft. Das ist aus meiner Sicht genau das, was die Treiber dafür sind.
Das heißt, man kann metaphorisch von einem Pendel sprechen, dass gerade wieder in die eine Richtung schlägt. Ist denn vielleicht absehbar, wann sich das Pendel wieder in die andere Richtung bewegen wird?

Die IT-Branche ist ja durch Pendel gekennzeichnet. Es gab früher Mainframes, dann gab es Client/Server, jetzt gibt es Cloud. Ich glaube daran, dass diese Pendel einfach Teil unserer Branche sind. Ich glaube aber auch, dass man einen guten Mittelweg finden kann, auch in Bezug auf das ganze Thema Integration.

Die Kunst ist es doch, einen stabilen harmonisierten Kern zu schaffen und um diesen Kern dann Flexibilität zu ermöglichen. Es hilft ja nichts, wenn ich nur noch dezentrale Applikationen habe und keine harmonisierten Stammdaten. Das führt ja letztendlich zum Chaos und im Unternehmen habe ich Redundanzen und Inkonsistenzen. Es hat einen guten Grund, dass man integriert. Man muss sich nur sehr gut überlegen, wie weit integriere ich und wo mache ich vielleicht so eine Art „break-out“, wo dann eben nicht der maximale Grad an Integration geschaffen wird. Diese Kunst der Balance ist nicht immer leicht zu finden und das wird letztendlich in Zukunft auch noch eine Herausforderung bleiben. Ich glaube allerdings schon, dass diese Pendel schwingen und dass sie auch noch eine ganze Weile weiterschwingen werden.

In der nächsten Ausgabe können Sie mehr über die Ausbildung von Usability-Professionals und die Zukunft der Usability in Deutschland erfahren!

Das Interview führten Katharina König und Philipp Rothmann



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